Lamu – Insel der Festivals

Ein Beitrag von Arnold Starosczyk (Lamu). Über das ganze Jahr verteilt gibt es verschiedene Feste auf der Insel Lamu: Das bekannteste davon ist das Lamu Cultural Festival, das heuer bereits zum 16. Mal stattfinden wird.

Ende Dezember (gleich nach Weihnachten) wird das Maulidi Festival gefeiert. Dieses ist zu Ehren des Geburtstags des Propheten Mohamed. Es ist etwas ähnlich wie das Cultural Festival aber mit einem mehr religiösen Hintergrund. Da gibt es u. a. auch Wettbewerbe zum Rezitieren des Korans, eine Prozession zur Riyadha Moschee, Henna-Wettbewerbe oder Bao Game (traditionelles Brettspiel). Am 1. Januar findet dann das traditionelle Dhow Race in Shela statt. Auch das ist sehr beeindruckend, vor allem wenn man die Sanddünen etwas hochsteigt und sieht, wie alle Boote auf dem Kanal zwischen Shela und Manda segeln. Als ich dieses Rennen zum ersten Mal erlebte, hatte ich mich wie ins Mittelalter zurückversetzt gefühlt.

shela-dhow-race-6

Anfang März 2017 wird  das Lamu Yoga Festival bereits zum 3. Mal abgehalten. In den vergangen beiden Jahren ist es sehr gut angekommen.  Die Veranstalter lassen sich auch immer sehr viel einfallen: da gibt es z. B. eine Yoga Session zum Sonnenaufgang am Shela Beach oder auch auf einem Surfboard im Wasser.

Kalender.JPG

Heute möchte ich jedoch über das Lamu Cultural Festival berichten. Dieses Jahr wird es zwischen dem 10. und 13. November abgehalten. Die faszinierendsten Veranstaltungen sind Bootsregatten. Etwa 15 Große Dhows segeln Richtung Festland, dann zurück nach Lamu, weiter Richtung der Insel Manda bevor dann das Ziel in Lamu ist. Interessant zum Beobachten sind auch die Wendemanöver. Da wird um jeden Meter bzw. den optimalen Kurs gekämpft, manchmal kentern leider auch mal Boote. Nach dem Zieleinlauf wird dann richtig gefeiert: jeder will auf das Siegerboot aufspringen, manche klettern den Mast hoch. Das Bootsrennen kann man am Besten von der Seafront aus beobachten, man kann aber auch mit kleinen Motorbooten dem Rennen folgen. Wie war doch gleich nochmal der Spruch von einem Sportsender vor langer Zeit in Deutschland? Mittendrin statt nur dabei!

Ein weiteres Highlight sind die Eselsrennen entlang der Seafront. Da wird alles gegeben, nur manchmal kommt es aber auch vor, dass der Esel nicht so will und er den Reiter abwirft.

Abends finden auf dem Mkunguni (Stadtplatz vor dem Lamu Fort) und an der Seafront traditionelle Tänze statt. Zusätzlich gibt es noch Ausstellungen im Lamu Fort, ein Fußballturnier, einen Schwimmwettbewerb und einiges mehr.

Während der Festivals platzt die Stadt aus allen Nähten: Hotels sind ausgebucht und das kenianische Fernsehen macht abends Live-Schaltungen. Und auch das Kenya Tourism Board ist mit von der Partie!

JamboHouse Lamu ist 3 Minuten vom Stadtplatz mit dem Lamu Fort entfernt. Gäste können den Sonnenaufgang von unserem neuen Top Roof sehen und dann, nach einem guten Frühstück, das Festival genießen.


Arnold Starosczyk (Jambo House) Jambo Logo

Arnold Starosczyk ist Eigentümer und Betreiber des Jambo House, eines Gästehauses auf der Insel Lamu. Alle hier veröffentlichten Fotos (c) Arnold Starosczyk / Jambo House.


Advertisements

Wie kann man auf einer kleinen kenianischen Insel glücklich sein?

Ein Bericht von Amina Sabel (Wasini / Südküste). Nachdem ich 3 Jahre ohne Unterbrechung als Abteilungsleiterin in den Niederlanden gearbeitet hatte, war mir klar, dass meine bevorstehende fünfwöchige Ostafrikareise einen großen Einfluss auf mein Leben haben würde – aber ich hatte keine Vorahnung, was sich tatsächlich zutragen würde. Also, so kam es, dass ich mich im Frühjahr 2010, nach einer wunderbaren Woche Campingsafari in Tansania und einigen darauffolgenden Tagen wohlverdienten Ausspannens in Tanga eine Entscheidung treffen musste, wo genau ich in den Indischen Ozean springen und meine geliebten Meeressäuger wieder treffen sollte. Die Mafia-Inseln oder die Insel Wasini, das war die große Frage! Beide Inseln sind authentisch, echt, nicht durch Geld und die üblichen touristischen Ansprüche verfälscht …. nun, ich nehme an, nur Gott allein weiß, warum ich mich schlussendlich für die Insel Wasini entschieden habe. Und dafür werde ich immer, immer dankbar sein.

Buckelwal vor dem Dorf Wasini / © www.wasini.net
Buckelwal vor dem Dorf Wasini / © http://www.wasini.net

An dieser Stelle muss ich einige sehr persönliche und romantische Aspekte meines ersten Aufenthalts überspringen – aber, wie dem auch sei, sechs Monate später hatte ich mein Bündel in den Niederlanden gepackt, landete mit meinen 25 kg Freigepäck in Kenia, heiratete meinen Mann und ließ mich unter einem Affenbrotbaum nieder. Nun, das letztere ist eher rhetorisch – der Baum steht in der Tat zehn Meter von unserem ersten handgemachten Strandhäuschen entfernt! Genaugenommen begannen wir unser gemeinsames Leben in einem halbfertigen ‘modernen‘ Backsteinhaus genau im Zentrum des größten Ortes der Insel, der trefflicherweise Wasini heisst. Ich hatte mich direkt in das Zentrum des traditionellen Insellebens der Swahili- Bevölkerung gestürzt. Das tägliche Leben wird hier hauptsächlich durch den Koran bestimmt – inklusive Aufstehen um 5 Uhr morgens zur Verrichtung des ersten Gebetes vor der Morgendämmerung. Da die Sonne hier – Wasini liegt fast auf dem Äquator, genauer gesagt auf dem 4. südlichen Breitengrad – sehr stark werden kann, ziehen es die Frauen vor, gleich nach dem Morgengebet, so gegen 5.30 Uhr, mit viel Geklapper das Geschirr vom Vorabend zu spülen. Sie mögen sich jetzt fragen: warum spülen die ihr Geschirr nicht am Abend? Ja, richtig, ich vergaß zu erwähnen: Wasini ist nicht ans Stromnetz angebunden! Abgesehen von ein paar Glückspilzen, die eine Solaranlage besitzen, oder den Wenigen, die ihr hart verdientes Geld ausgeben, um ihren Generator zu füttern, verwenden Leute hier noch Öllampen! Keine gute Lichtquelle, um bei Dunkelheit Arbeiten zu verrichten. Die Inselhäuser haben auch keine Glasfenster; es ist einfach zu heiß und niemand würde freiwillig die kühlende Seebrise aussperren.

Einkauf in Wasini / © www.wasini.net
Einkauf in Wasini / © http://www.wasini.net

All diese Faktoren tragen durchaus zu einem Mangel an Privatsphäre bei. Das Zusammenleben als große Dorffamilie von vor der Morgendämmerung bis zum letzten Rumoren meines Nachbarn trieb mich schnell an den Rand des Wahnsinns. Mein überaus liebe- und verständnisvoller Ehemann stimmte zu: wir müssen fliehen, schnellstmöglich umziehen, wir müssen raus aus dem Dorf und rein in die Wildnis! Einer unserer Onkel bot uns ein bis dahin ungenutztes, wildes Küstengrundstück an, und in diesem Naturparadies legten wir den ersten unbehauenen Stein unserer Blue Monkey Beach Cottages.

Natürlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Ahnung, dass wir irgendwann einmal naturverbundene und umweltbewusste Reisende aus aller Herren Länder hier willkommen heißen würden.  Wir hatten gerade mal noch 100 Euro Ersparnisse und sechs bereitwillige Hände, um grobe Steine in Wände zu verwandeln! Dann hatte mein Mann eine Glückssträhne und mehrere größere Gruppen buchten seine Dhow – ein traditionelles, arabisches Segelboot – für Ausflüge zum nahegelegenen Meeresnationalpark „Kisite Mpunguti Marine National Park“ – und wir konnten uns somit auch die notwendigen Mangrovenstangen und Palmschindeln für die Dachkonstruktion kaufen. Nach viermonatiger harter Arbeit zogen wir in unser erstes Strandhäuschen ein! Wir beließen das Gelände so weit möglich, wie wir es vorgefunden hatten; wir fällten keinen einzigen Baum, sondern setzten noch zusätzlich einige duftende und dekorative Pflanzen – Frangipani-Bäume, Bougainvillea und Jasminsträucher. Diademmeerkatzen („Blue Monkeys“), Chamäleons, Schildkröten, Warane, Ducker – eine kleine, scheue Antilope, die in Wasini’s wilden Buschwaldgebieten lebt – behielten so ihr natürliches Habitat, gewöhnten sich an unsere Gesellschaft und akzeptierten uns in ihrem Lebensraum. Jetzt waren die Rufe der Hornvögel, Seeadler und Ibisse, die gerne auf unserem Affenbrotbaum sitzen, die ersten Laute am Morgen, und die brechenden Wellen die letzten in der Nacht – meine Liebelei mit der Insel entwickelte sich rasch zu einer echten Liebesbeziehung!

Auf See mit einer unserer Dhows, der kleinen “Blue Whale” / © www.wasini.net
Auf See mit einer unserer Dhows, der kleinen “Blue Whale” / © http://www.wasini.net

Die ersten ‘Fremden’, die in unserem Strandhäuschen übernachteten, waren zwei nette spanische Rucksackreisende, die ich Mitte 2011 auf einer Busfahrt von Nairobi kennengelernt hatte. Wir hatten uns die Reisezeit verplaudert. Ihnen hatte die Beschreibung meines Zuhauses so sehr gefallen, dass sie in der darauffolgenden Woche bei uns vor der Tür standen – und wir ihnen unser Haus überließen. Sie hatten ihren Aufenthalt bei uns sehr genossen und machten uns erst richtig bewusst, was für einen Schatz wir eigentlich haben. Von diesem Zeitpunkt an richteten wir unsere weitere Vorgehensweise in Hinblick auf Gäste aus. Mit der Zeit kamen zwei weitere Strandhäuschen, überdachte Sitz- und Essensbereiche, ein Badehaus, und ein Bootsanlegesteg dazu – alles handgemacht mit Hilfe der lokalen Bevölkerung und mit Material von der Insel. Wir erstellten die Webseite ‘Wasini Travel Guide‘, um eine Informationsplattform für den interessierten Reisenden zu schaffen. Wir schätzen uns glücklich, Volontäre, Studenten, Wisschenschaftler, Praktikanten, Einwanderer, Familien mit kleinen Kindern, ältere Paare, Hochzeitsreisende, den abenteuerlustigen Alleinreisenden, Wassersportfans, Menschen aller Nationalitäten und aus allen Bevölkerungsgruppen kennengelernt zu haben, die hierher kamen, um einen einfachen Lebensstil zu erfahren und schöne, entspannte Tage in direktem Kontakt mit der Natur zu verbringen. Es stellte sich heraus, dass das Teilen dieses paradiesischen Ortes mit Gästen mir sehr viel mehr gibt, als alle anderen Beschäftigungen, die ich bisher hatte.

Verstehen Sie nun, wie man auf einer kleinen kenianischen Insel glücklich sein kann?


Amina Sabel

Amina Sabel, hier mit ihrem Mann Feisal abgebildet, ist Miteigentümerin des Wasini Travel Guide, der Blue Monkey Beach Cottages und Banda Mlimani. Sie ist Gründungsmitglied der Wasini Boat Operators und des Wasini Youth Nature Clubs.


Der Stadtschreier von Lamu

Bwana Shee, Stadtschreier von Lamu
Bwana Shee, Stadtschreier von Lamu

Ein Bericht von John Njau, übersetzt von Angelika Schuetz (Lamu). Achtung! Achtung! Der Lamu Stadtschreier, nunmehr sicher, Ihr Gehör zu haben, schreit seine Ansage hinaus. Sei es die Ankündigung einer Gemeindeversammlung, die Ankunft eines Ehrengastes oder die Kunde über die Hochzeit eines jungen Paares. Für eine kleine Gebühr wird der Stadtschreier Ihre Nachricht den Bewohnern dieses kleinen jahrhundertealten Swahili-Vorpostens, der sich in mancher Hinsicht in den letzten 700 Jahren kaum verändert hat, übermitteln.

Behördengebäude in Lamu Stadt, ein sehr typisches Stadtbild
Behördengebäude in Lamu Stadt, ein sehr typisches Stadtbild

Als ich diesen Herrn Shee Bwana Shee zum ersten Mal seiner Arbeit nachgehen sah, bzw. hörte, da stutze ich sehr: welch ein Anachronismus, falls es ihn tatsächlich gibt. Wäre ich einem bärtigen englischen Hochradfahrer mit Melone begegnet, so wäre ich nicht mehr erstaunt gewesen. Wir kennen viele Bilder aus Büchern, wir erwarten aber nicht, diesen auch tatsächlich zu begegnen. Nicht im 21. Jahrhundert, wo Wissenschaftler das menschliche Genom erforscht haben und der 3D-Drucker kurz vor der Massenproduktion steht.

Herr Shee bei der Arbeit in Lamu Stadt
Herr Shee bei der Arbeit in Lamu Stadt

Stadtschreier haben eine reiche Geschichte, untrennbar verwoben mit den Strukturen von Gemeinden auf der ganzen Welt. Während dieser heutzutage ein kaum noch benötigter Dienst ist, in manchen entlegenen Ecken des Globus lebt er weiterhin fort. Angefangen bei den Läufern von Sparta im alten Griechenland bis hin zum mittelalterlichen England, dem Fort von Lamu und dem Strand von Shela, Shee trägt die Fackel einer uralten Tradition, eines wichtigen Amtes, welches hier nicht vom Aussterben bedroht ist.

Auch in das Dorf Shela kommt der Stadtschreier, die Kinder lieben es.
Auch in das Dorf Shela kommt der Stadtschreier, die Kinder lieben es.

Aus der Notwendigkeit heraus, meistens königliche Nachrichten oder politische Informationen zu übermitteln, musste der Ausführende dieses Amtes lesen und schreiben können. Und, darüberhinaus, zusätzlich mit einer gesunden Lunge ausgestattet sein sowie einer kräftigen Stimme. Die neuzeitliche Entwicklung macht es ihm seit einiger Zeit leichter, Herr Shee bedient sich eines batteriebetriebenen Megaphones, ich kann allerdings bestätigen, dass er auch ohne dieses Gerät seine Tätigkeit ausüben kann.

Vor 54 Jahren in Lamu geboren, besuchte Shee auf Lamu die Grundschule und Sekundarschule und zeigte schon früh ein Interesse am Rundfunk. Seine Ambitionen wurden jedoch nicht erhört: jedenfalls nicht, wie er es sich vorgestellt hatte. Er arbeitete viele Jahre lang als Gefängnisbeamter, man hatte ihn im Polizeidienst abgelehnt, da er das entsprechende Gardemaß nicht erreichte. Shee bekam nun endlich seine Chance bei den Medien im Jahre 2005. Die nationale Volkszählung war in vollem Gang, Bananen und Orangen, Symbole der rivalisierenden Parteien damals, trugen Früchte, wurden zu Zeichen des Umbruches und sind bis heute in unserer Geschichte von starker Bedeutung.

Er trug die Nachrichten hinaus, für beide politischen Seiten, und er wurde als Stadtschreier etabliert. Über die Jahre haben verschiedene Organisationen und Institutionen, aber auch die Behörden vor Ort, seine Fachkenntnis genutzt. Darauf ist er mit Recht stolz – auf die Rolle, die er spielt: Als Sprachrohr für das Gesundheitsamt zum Beispiel, um die einheimische Bevölkerung über die Gefahren und die Prävention der vermeidbaren Malaria zu unterrichten.

„Achtung! Achtung! Noch reduzierte Restplätze frei.“ Herrn Shees Kunde heute ist eine einheimische Fluggesellschaft.

In der enggestrickten Lamu Gesellschaft ist Shee eine bekannte Figur mit seinem Bart und seinem weißen Megaphon, und wenn man hört „Achtung! Achtung!“  dann steht man still und hört hin.

In Beantwortung meiner Frage, die Zukunft seines Amtes betreffend, informiert mich Herr Shee, dass er sich sicher ist, dass sein Amt  unentbehrlich ist in einer Gemeinde wie Lamu, egal wie die Technologie fortschreitet. Es ist eine unschöne Tatsache, dass Lamu im Landesschnitt an der unteren Grenze der Alphabetisierung angesiedelt ist und da bietet es sich an, gewisse Informationen auf diesem Wege zu übermitteln.

Ich frage ihn, welches der ungewöhnlichste Auftrag bislang in seiner Karriere gewesen ist und er lacht und erzählt mir, wie ein Politiker ihn anheuern wollte, dessen Rivalen zu besudeln. So etwas hat er stets abgelehnt. Einmal hat er sich eine Tracht Prügel verdient mit einer übermittelten Nachricht, einen Grundstücksdisput betreffend.

Im mittelalterlichen Europa war die Beleidigung des Stadtschreiers ein schweres Vergehen. Daher, denn die Nachrichten wurden im Auftrag des Königs übermittelt, genoss der Stadtschreier den Schutz des königlichen Hofes. Leider, gibt es für Shee in der heutigen Zeit eine solche Souveränität nicht mehr und er ist sich selbst überlassen, sollten bestimmte Elemente seine Nachricht als unangenehm empfinden.

Zuschauer beim Lamu Kulturfestival
Zuschauer beim Lamu Kulturfestival

Seine ausgebuchteste Zeit ist während des Lamu Kulturfestivals. Da kommt so ein Leuchten in seine Augen in Erwartung dieser, für ihn sehr bewegten Zeit.

Hier geht es zum Strand von Shela. Hier etwa endet das Arbeitsgebiet von Herrn Shee.
Hier geht es zum Strand von Shela. Hier etwa endet das Arbeitsgebiet von Herrn Shee.

Portrait Angelika Schuetz

Angelika Schuetz lebt im Dorf Shela auf der Insel Lamu und ist Verwalterin beim Shela House Management.

Alle Fotos in diesem Artikel (c) Angelika Schuetz