Wie kann man auf einer kleinen kenianischen Insel glücklich sein?

Ein Bericht von Amina Sabel (Wasini / Südküste). Nachdem ich 3 Jahre ohne Unterbrechung als Abteilungsleiterin in den Niederlanden gearbeitet hatte, war mir klar, dass meine bevorstehende fünfwöchige Ostafrikareise einen großen Einfluss auf mein Leben haben würde – aber ich hatte keine Vorahnung, was sich tatsächlich zutragen würde. Also, so kam es, dass ich mich im Frühjahr 2010, nach einer wunderbaren Woche Campingsafari in Tansania und einigen darauffolgenden Tagen wohlverdienten Ausspannens in Tanga eine Entscheidung treffen musste, wo genau ich in den Indischen Ozean springen und meine geliebten Meeressäuger wieder treffen sollte. Die Mafia-Inseln oder die Insel Wasini, das war die große Frage! Beide Inseln sind authentisch, echt, nicht durch Geld und die üblichen touristischen Ansprüche verfälscht …. nun, ich nehme an, nur Gott allein weiß, warum ich mich schlussendlich für die Insel Wasini entschieden habe. Und dafür werde ich immer, immer dankbar sein.

Buckelwal vor dem Dorf Wasini / © www.wasini.net
Buckelwal vor dem Dorf Wasini / © http://www.wasini.net

An dieser Stelle muss ich einige sehr persönliche und romantische Aspekte meines ersten Aufenthalts überspringen – aber, wie dem auch sei, sechs Monate später hatte ich mein Bündel in den Niederlanden gepackt, landete mit meinen 25 kg Freigepäck in Kenia, heiratete meinen Mann und ließ mich unter einem Affenbrotbaum nieder. Nun, das letztere ist eher rhetorisch – der Baum steht in der Tat zehn Meter von unserem ersten handgemachten Strandhäuschen entfernt! Genaugenommen begannen wir unser gemeinsames Leben in einem halbfertigen ‘modernen‘ Backsteinhaus genau im Zentrum des größten Ortes der Insel, der trefflicherweise Wasini heisst. Ich hatte mich direkt in das Zentrum des traditionellen Insellebens der Swahili- Bevölkerung gestürzt. Das tägliche Leben wird hier hauptsächlich durch den Koran bestimmt – inklusive Aufstehen um 5 Uhr morgens zur Verrichtung des ersten Gebetes vor der Morgendämmerung. Da die Sonne hier – Wasini liegt fast auf dem Äquator, genauer gesagt auf dem 4. südlichen Breitengrad – sehr stark werden kann, ziehen es die Frauen vor, gleich nach dem Morgengebet, so gegen 5.30 Uhr, mit viel Geklapper das Geschirr vom Vorabend zu spülen. Sie mögen sich jetzt fragen: warum spülen die ihr Geschirr nicht am Abend? Ja, richtig, ich vergaß zu erwähnen: Wasini ist nicht ans Stromnetz angebunden! Abgesehen von ein paar Glückspilzen, die eine Solaranlage besitzen, oder den Wenigen, die ihr hart verdientes Geld ausgeben, um ihren Generator zu füttern, verwenden Leute hier noch Öllampen! Keine gute Lichtquelle, um bei Dunkelheit Arbeiten zu verrichten. Die Inselhäuser haben auch keine Glasfenster; es ist einfach zu heiß und niemand würde freiwillig die kühlende Seebrise aussperren.

Einkauf in Wasini / © www.wasini.net
Einkauf in Wasini / © http://www.wasini.net

All diese Faktoren tragen durchaus zu einem Mangel an Privatsphäre bei. Das Zusammenleben als große Dorffamilie von vor der Morgendämmerung bis zum letzten Rumoren meines Nachbarn trieb mich schnell an den Rand des Wahnsinns. Mein überaus liebe- und verständnisvoller Ehemann stimmte zu: wir müssen fliehen, schnellstmöglich umziehen, wir müssen raus aus dem Dorf und rein in die Wildnis! Einer unserer Onkel bot uns ein bis dahin ungenutztes, wildes Küstengrundstück an, und in diesem Naturparadies legten wir den ersten unbehauenen Stein unserer Blue Monkey Beach Cottages.

Natürlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Ahnung, dass wir irgendwann einmal naturverbundene und umweltbewusste Reisende aus aller Herren Länder hier willkommen heißen würden.  Wir hatten gerade mal noch 100 Euro Ersparnisse und sechs bereitwillige Hände, um grobe Steine in Wände zu verwandeln! Dann hatte mein Mann eine Glückssträhne und mehrere größere Gruppen buchten seine Dhow – ein traditionelles, arabisches Segelboot – für Ausflüge zum nahegelegenen Meeresnationalpark „Kisite Mpunguti Marine National Park“ – und wir konnten uns somit auch die notwendigen Mangrovenstangen und Palmschindeln für die Dachkonstruktion kaufen. Nach viermonatiger harter Arbeit zogen wir in unser erstes Strandhäuschen ein! Wir beließen das Gelände so weit möglich, wie wir es vorgefunden hatten; wir fällten keinen einzigen Baum, sondern setzten noch zusätzlich einige duftende und dekorative Pflanzen – Frangipani-Bäume, Bougainvillea und Jasminsträucher. Diademmeerkatzen („Blue Monkeys“), Chamäleons, Schildkröten, Warane, Ducker – eine kleine, scheue Antilope, die in Wasini’s wilden Buschwaldgebieten lebt – behielten so ihr natürliches Habitat, gewöhnten sich an unsere Gesellschaft und akzeptierten uns in ihrem Lebensraum. Jetzt waren die Rufe der Hornvögel, Seeadler und Ibisse, die gerne auf unserem Affenbrotbaum sitzen, die ersten Laute am Morgen, und die brechenden Wellen die letzten in der Nacht – meine Liebelei mit der Insel entwickelte sich rasch zu einer echten Liebesbeziehung!

Auf See mit einer unserer Dhows, der kleinen “Blue Whale” / © www.wasini.net
Auf See mit einer unserer Dhows, der kleinen “Blue Whale” / © http://www.wasini.net

Die ersten ‘Fremden’, die in unserem Strandhäuschen übernachteten, waren zwei nette spanische Rucksackreisende, die ich Mitte 2011 auf einer Busfahrt von Nairobi kennengelernt hatte. Wir hatten uns die Reisezeit verplaudert. Ihnen hatte die Beschreibung meines Zuhauses so sehr gefallen, dass sie in der darauffolgenden Woche bei uns vor der Tür standen – und wir ihnen unser Haus überließen. Sie hatten ihren Aufenthalt bei uns sehr genossen und machten uns erst richtig bewusst, was für einen Schatz wir eigentlich haben. Von diesem Zeitpunkt an richteten wir unsere weitere Vorgehensweise in Hinblick auf Gäste aus. Mit der Zeit kamen zwei weitere Strandhäuschen, überdachte Sitz- und Essensbereiche, ein Badehaus, und ein Bootsanlegesteg dazu – alles handgemacht mit Hilfe der lokalen Bevölkerung und mit Material von der Insel. Wir erstellten die Webseite ‘Wasini Travel Guide‘, um eine Informationsplattform für den interessierten Reisenden zu schaffen. Wir schätzen uns glücklich, Volontäre, Studenten, Wisschenschaftler, Praktikanten, Einwanderer, Familien mit kleinen Kindern, ältere Paare, Hochzeitsreisende, den abenteuerlustigen Alleinreisenden, Wassersportfans, Menschen aller Nationalitäten und aus allen Bevölkerungsgruppen kennengelernt zu haben, die hierher kamen, um einen einfachen Lebensstil zu erfahren und schöne, entspannte Tage in direktem Kontakt mit der Natur zu verbringen. Es stellte sich heraus, dass das Teilen dieses paradiesischen Ortes mit Gästen mir sehr viel mehr gibt, als alle anderen Beschäftigungen, die ich bisher hatte.

Verstehen Sie nun, wie man auf einer kleinen kenianischen Insel glücklich sein kann?


Amina Sabel

Amina Sabel, hier mit ihrem Mann Feisal abgebildet, ist Miteigentümerin des Wasini Travel Guide, der Blue Monkey Beach Cottages und Banda Mlimani. Sie ist Gründungsmitglied der Wasini Boat Operators und des Wasini Youth Nature Clubs.